Man erlaube der Schreiberin dieser Zeilen zum Auftakt der Serie einen nostalgischen Rückblick – das Gestüt Nannhofen im oberbayerischen Mammendorf war meine erste bewusste Begegnung mit dem Trakehner Pferd.

Gestüt Nannhofen der Baronin von Lotzbeck

Das Gut Nannhofen, genau in der Mitte zwischen München und Augsburg gelegen, ist einer der ganz seltenen Vierseithöfe im Raum Fürstenfeldbruck. Bis 1959 wurden hier Milchkühe gehalten, danach pferdegerecht umgebaut. 50 Jahre lang – von 1959 bis 2008 – prägte das Gestüt Nannhofen das Gesicht der deutschen Trakehnerzucht entscheidend mit. Der Bogen spannt sich vom I. Preis der DLG-Ausstellung 1959 über DLG-, Bundes- und Landesschausiege in den Siebziger- und Achtzigerjahren bis hin zum erfolgreichsten in Bayern gezogenen Vielseitigkeits-Trakehner der Jahre 2006 und 2007.

Das Gestüt Nannhofen ebnete dem Trakehner Pferd in Bayern den Boden, Dr. Gertrud Baroness von Lotzbeck engagierte sich von Anfang an für ihre Züchterkollegen im Freistaat, den Bezirksausschuss-Vorsitz erfüllte sie lange Jahre mit großem Verantwortungsbewusstsein, preußischer Disziplin und Unbestechlichkeit. Ihre direkte, ehrliche und dennoch herzliche Art vermisst man im heutigen Zuchtgeschehen ebenso schmerzlich wie ihre beständige Achtsamkeit auf das Wohl des Pferdes. Sie war Trägerin der »Goldenen Ehrennadel« sowie der »Freiherr-von-Schrötter-Medaille« des Trakehner-Verbandes und war dessen Ehrenmitglied. Das Gestüt Nannhofen formte als Ausbildungsstätte so manchen pferdebegeisterten jungen Menschen zu einem verantwortungsvollen, kompetenten Pferdefachmann.

Siegerstute der IV. Landesstutenschau Bayern 1988: LILLEMOR v. Cornelius – Foto: Archiv Verband / Sabine Burre

Nach dem Tod von Baroness von Lotzbeck hört mit Ende Januar 2009 das Gestüt Nannhofen als Zuchtstätte des Trakehner Pferdes auf zu existieren. Sie, die die Landwirtschaft für die Güter ihrer Eltern von der Pike auf gelernt hatte, erfüllte sich später einen Lebenstraum, studierte Medizin und praktizierte auch eine Reihe von Jahren als Kinderärztin in München. Doch als die Betriebe der Güter-Administration nach ihrer Führung riefen, war sie zur Stelle – und erfüllte sich mit dem Aufbau einer Trakehnerzucht einen zweiten Lebenstraum. Über ihren Onkel, einen Jagd- und Olympiadressurreiter, kam die junge Baroness von Lotzbeck zu Pferden und dem Reitsport. Bei einem schweren Reitunfall erlitt die Baroness eine Rückenverletzung, die ihr das Reiten auf den kalibrigen, Kreuzeinwirkung verlangenden Hannoveranern des damaligen Zuchtschlags verwehrte. In Anbetracht ihrer sehr guten Erfahrungen mit Pferden ostpreußischer und Trakehner Abstammung erwachte in ihr der Wunsch nach einem Pferd dieser Blutführung. Auf der Suche nach einem solchen Reitpferd stieß Baroness von Lotzbeck im Frühsommer 1957 in Holstein auf die vierjährige Stute Wachau, die ein Fohlen bei Fuß hatte und erneut tragend war. Adel und Ausdruck dieser Stute begeisterten sie so, dass sie beschloss, das Pferd zu erwerben.

Im Laufe des folgenden Jahres wurden dann noch drei weitere Pferde ostpreußischer Blutführung angekauft, nämlich die damals 15-jährige Gondel und die Rappstute Koburg mit einem zweijährigen Schimmelstutfohlen. Bei der Wahl der Zuchtstuten wurde größtes Gewicht auf erstklassige Blutführung und Abstammung aus gesunden, langlebigen und fruchtbaren mütterlichen Linien gelegt. Außerdem drückt sich in der Wahl der später zugekauften Hengste die Tendenz aus, in Nannhofen die alten Linien und Stutenstämme aus Trakehnen zu erhalten und weiter zu entwickeln. Zunächst wurden die Stuten zu auswärtigen Hengsten geschickt; da sich dies aber auf die Dauer als zu kostspielig und unpraktisch erwies, wurde 1959 ein eigener Hengst angeschafft: der Vollblüter Pindar xx aus dem Gestüt Mydlinghoven.

Enge Verbundenheit hielt Baroness von Lotzbeck in züchterischen Fragen stets mit Dr. Fritz Schilke, dem unermüdlichen Motor des Wiederaufbaus der Trakehnerzucht nach dem Kriege. Aus reiterlicher Sicht war sie eine Verfechterin der klassischen Dressur; bis ins hohe Alter nahm sie noch regelmäßig Unterricht, um ihren Sitz und ihre Hilfengebung zu perfektionieren. Ihre große Liebe galt dem blutgeprägten Pferd, dessen Sensibilität zu schätzen sie bereits ihr früher Reitlehrer Hans Hecker aus München lehrte.

Im Oktober 1965 verunglückte Pindar xx tödlich, und als Ersatz wurde auf der Körung der Fuchs Kassio angekauft. Dieser Webelsgrunder Abglanz-Sohn mauserte sich während seines 18-jährigen Zuchteinsatzes in Nannhofen zu einem Stempelhengst der Trakehnerzucht in der Bundesrepublik Deutschland. In der Folgezeit stellten sich mehr und mehr Erfolge auf regionalen und überregionalen Zuchtschauen ein; die Kombination zwischen Kassio und den Pindar-xx-Stuten erwies sich als selten erreichte Passer-Paarung.

Erfolge auf Zuchtschauen

DLG- und Bundesschausiegerin GRISELDIS v. Pindar xx – Foto: Archiv Verband / I. Bergmann

Im Frühjahr 1972 konnte das Gestüt seinen wohl größten Schauerfolg verzeichnen: Die Fuchsstute Griseldis errang auf der DLG-Ausstellung in Hannover den Ia- und Siegerpreis. Im gleichen Jahr wurde ihr Sohn Grimsel, der im Trakehnergestüt Birkhausen in Zweibrücken aufgewachsen war, Reservesieger der Körung. 1973 konnte das Gestüt erneut einen Ausstellungserfolg feiern: Die erst dreijährige Kassio-Tochter Liuba wurde auf der I. Bayerischen Trakehner Landesschau auf Gut Schwaighof Reservesiegerin.

1975 vertrat die Pindar-xx-Tochter Griseldis wieder die Farben des Gestüts auf der ersten Bundesschau Trakehner Pferde in Verden/Aller. Wie schon 1972 konnte ihr auch hier keine andere Stute den Gesamtsieg der Schau streitig machen.

Liuba wiederholte ihren Erfolg bei der II. Landesschau auf Gut Postschwaige. Zudem dominierte die Lotzbeck’sche Familiensammlung der Stammstute Libelle die Sammlungen. Auch bei der III. Landesschau 1983 in München-Riem musste sich mit Kornernte v. Cornelius eine Stute aus Lotzbeck’scher Zucht ganz knapp um den Siegertitel geschlagen geben. Die Familiensammlung, diesmal der schwarzen Perle Kornweihe mit zwei Cornelius-Töchtern, dagegen war wieder nicht zu schlagen.

Bei der IV. Landesschau 1988, erneut auf der Olympia-Reitanlage in München-Riem ausgetragen, waren weder Lillemor, die mit ihrer wundervollen Art, sich in Bewegung zu setzen, Richter wie Zuschauer begeisterte, noch der Familiensammlung der Libussa v. Pindar xx der Sieg der Gesamtschau und der Familiensammlungen zu nehmen.

13 Hengste aus eigener Zucht und vier aufgezogene Hengste stellte Baroness von Lotzbeck erfolgreich zu den Trakehner Körungen in Neumünster. Die größten Erfolge waren ihr dabei mit dem mächtigen schwarzen Waldzauber und den beiden Füchsen Grimsel und Gelria beschieden, die allesamt großen Einfluss auf die Gesamtzucht nahmen. Stuten aus Nannhofen gehörten bayern- und bundesweit zur Elite der Zucht, die bayerischen Landesschauen der Siebziger- und Achtzigerjahre waren geprägt von den wie aus einem Guss mit überragendem Gangvermögen brillierenden Familiensammlungen aus Nannhofen.

Nannhofens Stutenfamilien

Die Begründerin der Nannhofener Trakehnerzucht, Wachau v. Semper Idem/Gebhard, brachte in Verbindung mit Pindar xx einen breiten Stamm nobler, trockener Töchter und schenkte mit Waldlicht und Waldhexe zwei überragenden Zuchtstuten das Leben. Wachaus Zweig verhalf dem Stutenstamm ihrer starken, rumpfigen, arbeitstreuen Mutter Wally zu verdienter Blüte. Einen Beschäler wie Waldzauber züchtet man auch nicht alle Tage – er zählte zur Elite der westdeutschen Zucht, und sein leider unfruchtbar gebliebener Dreiviertelbruder Waldklee hätte von Typ, Habitus und Erscheinungsbild einen wahren Hauptbeschäler abgegeben. Sportlich aufgefallen sind aus diesem Stutenstamm u. a. Walzerprinz v. Kassio mit Erfolgen in Dressur bis Kl. S in den USA und Mister Kassio v. Kassio.


Ein lausiges kleines Foto, ein Blick in die Abstammungstafel und die Tatsache, dass die Stute zweijährig noch den Treck aus Ostpreußen mitgemacht hatte, reichten Baroness von Lotzbeck, um Gondel v. Halbmond/Portwein als 15-jährige Stute in ihre Zucht einzustellen. Wie alle Pferde, zu denen sie auf Anhieb einen Draht hatte, sollte auch diese Stute sie nicht enttäuschen. Sie schenkte ihr von Pindar xx den harten, springvermögenden Beschäler Goldtopas sowie mit Goldene v. Kobalt eine würdige Nachfolgerin im Gestüt. Der Hengst Goldtaler v. Kassio und die doppelt prämierte Goldpuppe v. Polarwind waren die Aushängeschilder dieser Stutenfamilie.


Kortina v. Famulus/Wilder Jäger war eine etwas herbe Schönheit mit ausgeprägter Persönlichkeit, und es ist dem legendären alten Züchter Curt Krebs, Schimmelhof, zu verdanken, dass die Stute in der Nannhofener Zucht blieb. Sein Satz: »Wer’n Se schon sehen, die bringt besser als sie selbst ist« sollte sich bewahrheiten, denn die zuverlässig fruchtbare Schimmelstute stellte den sehr schmal gewordenen Zweig ihrer legendären Großmutter Kokette in Westdeutschland von Nannhofen aus wieder auf eine breite Basis. Ihre Töchter Kornweihe und Kortitia (Nannhofen), Kornfee (Hörstein), Konifere (Kanada), Koblenz II (Zeiner) und Kosmea (Dr. Pohl) waren erfolgreiche Zuchtstuten. Die Liste der Ausstellungserfolge von Kortinas Töchtern und Enkelinnen ist lang, nicht nur einmal zählten vor allem Kornweihe und ihre Töchter sowie Kopeke zu den besten Stuten im Lande. Die gekörten Hengste Koree und Kornfink, beide v. Cornelius, gingen bereits kurz nach der Körung nach Kanada. Komedo v. Waldzauber als S-erfolgreiches Dressurpferd und der auch in der Zucht verdiente Konvoi v. Kallistos x vertraten diesen Stutenstamm auf den Turnierplätzen.


Aus dem Stamm der Gitta (Krämer-Kittlitz) kam 1960 über die Reitpferdeauktion die damals 5-jährige Dunkelfuchsstute Grete v. Abendstern/Keith ins Gestüt Nannhofen. Nach drei Jahren reiterlicher Nutzung begann Baroness von Lotzbeck mit diesem Juwel zu züchten. Und Grete lehrte die Trakehnerwelt das Staunen: Ihre Tochter Griseldis war DLG-Siegerstute, Siegerstute der ersten Trakehner Bundesschau und Mutter der herausragenden Beschäler Grimsel und Gelria, ersterer Reservesieger bei Körung und Leistungsprüfung, letzterer mit voller Anerkennung für Hannover.


Ein als zuchtuntauglich ausgemustertes Pferd erschuf in Nannhofen den wohl fruchtbarsten und zahlenstärksten Stutenstamm: Libelle v. Totilas/Perserfürst kam 1961 als damals 9-jährige Stute aus Rantzau nach Nannhofen. Bereits 1963 schenkte sie ihrer ersten von drei erstklassigen Pindar xx-Töchtern das Leben: Libussa, neben Griseldis die zweite Elitestute aus dem Gestüt, die den Stamm ihrer Mutter in Nannhofen fortführte, während ihre rechten Schwestern Linda V, Lido und Liberté in andere Zuchtstätten gingen. Libelle, Libussa und ihre Töchter standen bei zahllosen Familien- und Züchtersammlungen in Bayern ganz vorn, die Libussa-Töchter Liuba und Larthi waren hochdekorierte Ausstellungsstuten, Lillemor war Siegerstute der Landesschau 1988, Liebesgabe II und Ladakh zählten zu den Klassenbesten »ihrer« Landesschauen und Lobby war Siegerstute der Zentralen Stuteneintragung. Der Hengst Leibjäger ging nach mehrjährigen Zuchteinsatz in die USA, Laertes und Lafredo waren erfolgreich im Dressurviereck, während Limor-L die Nannhofener Fahne im Vielseitigkeitssport hochhielt.

©März 2025 Karin Schweiger