Wir beginnen unsere Serie über im Zuchtbezirk gepflegte Stutenfamilien mit einem Rückblick auf einen in züchterischer und sportlicher Hinsicht sehr erfolgreichen Stamm, dem aus der Familie O238 der Lore entsprungenen Zweig

O238A Libelle (Lotzbeck-Nannhofen)

Die ursprüngliche Familienbegründerin Lore ist eine der vielen Stuten, die nach dem Krieg ohne Papiere, aber mit dem Brand der doppelten Elchschaufel auf dem linken Hinterschenkel aufgefunden wurden. Sie wurde nach dem Krieg an den Fuchs Perserfürst angepaart, der als Rittigkeitsvererber galt. Die daraus entstandenen Töchter Loni (*1947) und Lia (*1949) wurden beide an den unvergleichlichen Totilas angepaart – er, der bis ins hohe Alter vor Energie nur so sprühte und erst mit 27 Jahren von der züchterischen Bühne abtreten musste, war in seinem Blutbild gefestigt durch eine Inzucht in der 3.-4.-4.-5. Generation auf Tempelhüter, die Totilas-Mutter entstammt der interessanten Paarung zweier Tempelhüter-Enkel. Schon durch die Zahl seiner Töchter nahm Totilas eine absolute Ausnahmestellung in der Trakehnerzucht nach dem Krieg ein.

Aus dem Zweig der Lia mit ihrer Tochter Lisette gingen u. a. der im Rheinland hochgeschätzte Warendorfer Landbeschäler Garamond und der verdiente Lehndorff’s, in Dänemark das Grand-Prix-Dressurpferd Ladroneur Lineur sowie die Elitestuten Longleaf, Lavinia und Libella V hervor.

Foto: Archiv Gestüt Nannhofen

Libelle v. Totilas u.d. Loni, dunkelbraun wie der Vater, mit Stern und Schnippe, trug Dr. Fritz Schilke mit den Maßen 163/194/20,1 und der Bewertung 1,2,2/2,2 ein. Gezogen war sie von Hans Werner Lange in Vogelsdorf-Ellert im Kreis Plön, ihre ersten Fohlen bekam sie in der Zuchtstätte Frey im Kreis Eutin: Libau v. Gabriel ging Dressur bis Kl. L, Wind II v. Wilder Jäger war in Springen und Vielseitigkeit bis Kl. L erfolgreich. Aufgrund einer Verletzung galt sie danach als zuchtuntauglich und kam über die Reitpferdeauktion neunjährig ins Gestüt Nannhofen, wo sie sich unter dem Sattel sehr bewährte. Eine Verletzung zwang dann zu einer Pause – und so ergab es sich, dass eine als zuchtuntauglich ausgemusterte Stute in Nannhofen den wohl fruchtbarsten und zahlenstärksten Stutenstamm begründete.

In Nannhofen angepaart an den harten, aber nicht einfachen Vollblüter Pindar xx, brachte sie drei hervorragende Töchter: Libussa führte den Stamm in Nannhofen fort, dazu gleich mehr. Linda V ging in die Zuchtstätte Thurmann nach Pflaumdorf, wo sie u.a. das M-Dressurpferd Lino und die Hengstmutter Lina III fohlte, beide v. Kassio. Lido ging zunächst ins Gestüt Hörstein, wurde dann aber weiterverkauft, aus ihrer Nachzucht sind der in Springen bis M, in der Military bis L erfolgreiche Leutnant v. Hando sowie der in Spring- und Geländeprüfungen bis L erfolgreiche und über tausend Euro »schwere« Lucky Day v. Angard zu nennen. Liberté, Libelles einzige Kassio-Tochter, wurde Trakehner Botschafterin in Großbritannien.

Libussa

Foto: Archiv Gestüt Nannhofen

Die Dunkelfuchsstute mit 1.62 m Stockmaß und einer glatten 2er-Eintragung durch Dr. Schilke bewährte sich in ihren 19 Lebensjahren mit zwölf Fohlen aus 14 Zuchtjahren. Anlässlich der Landesschau Bayern 1978 stand die Familiensammlung mit ihren Töchtern unangefochten an der Spitze. Ihren Elitestutentitel verdiente sie sich mit dem gekörten Leibjäger, nach kurzem Einsatz in Westfalen in die USA abgegeben, der prämierten Tochter Liuba und dem M-Dressurcrack Lehar. Von Libussas zwölf Fohlen waren nur drei Stuten, die von großer Ausnahmequalität waren – und zwar sowohl was das Exterieur anging, als auch was Fruchtbarkeit und Vererbung betraf. Liuba und Larthi waren tiefe, rumpfige Mutterstuten mit Typ und Gang, Liebesgabe II in allem etwas edler und feiner. Libussas Söhne waren alle sehr groß, dabei aber harmonisch – und gute, angenehme Reitpferde.

Foto: Archiv Gestüt Nannhofen

Liuba, mit den Maßen 165/20.0 und der Bewertung 2,2,2/1,1 eingetragen, war als Dreijährige Ia-Preisträgerin und Gesamt-Reservesiegerin der Landesschau Bayern 1973. 1975 holte sie sich anlässlich der Bundesstutenschau in Verden einen Ib-Preis, 1978 bei der Landesschau Bayern war sie erneut Ia-Preisträgerin und Gesamt-Reservesiegerin. Außerdem ging sie mit in der siegreichen Familiensammlung ihrer Mutter Libelle. 1983 holte sie sich zum dritten Mal einen Klassensieg bei der Landesschau. Ihre Zuchtleistung von elf Fohlen in 16 Zuchtjahren verschaffte ihr eine Eintragung ins FN-Leistungsstutbuch D.

Leider war dieser Spitzenstute keine Nachfolgerin in der Zucht vergönnt, ihre beiden hoffnungsvollen Töchter Liebreiche (*1977) und Levilla (*1978) v. Cornelius verunglückten früh und Lionella (*1982 v. Polarwind) ging in den Besitz einer Reiterin, die mit ihr schöne Platzierungen in Stilspringen Kl. A erzielen konnte. Im Sport allerdings stellten Liubas Söhne ihrer Mutter ein ausgezeichnetes Zeugnis aus, gab es unter ihnen doch Erfolgspferde bis Kl. M in Dressur, Springen und Fahren: Liliom v. Cornelius ist von 1979 bis 1986 im Turniersport aktiv gewesen und hat dabei Siege und Platzierungen in Dressur, Springen, Vielseitigkeit und Jagd bis Kl. L erreichen können. Seine Lebensgewinnsumme liegt bei fast 2.350 Euro. Ligist v. Cornelius ist von 1988 bis 1991 im Turniersport gelaufen und hat sich ebenfalls als vielseitig veranlagt erwiesen – neben Vielseitigkeits- und Springerfolgen Kl. A ging er vor allem im Viereck mit Erfolgen bis Kl. M. Seine Lebensgewinnsumme beläuft sich auf knapp tausend Euro. Lirurg v. Polarwind ging im Sport erfolgreich mit Platzierungen bis Springen Kl. M unter Alexandra Mayr und sammelte zwischen 1990 und 1997 insgesamt 761 Euro Gewinngelder auf seinem Konto. Livius v. Polarwind schließlich war für seinen Besitzer Wolfgang Lippacher ein Schleifengarant im Zweispänner, über 100 Euro Preisgelder konnte er in Prüfungen der Klassen L und M zwischen 1992 und 1994 erzielen.

Foto: Archiv Gestüt Nannhofen

Die aparte Dunkelfuchsstute Larthi stand ihrer vier Jahre älteren Vollschwester kaum nach. Bei der Landesschau 1978 noch Ic-Preisträgerin ihrer Klasse und Mitglied der siegreichen Familiensammlung, holte sie sich bereits 1980 bei der Länderschau Baden-Württemberg/Bayern in Muhr am See den Ia-Preis und 1983 in München-Riem bei der Landesschau Bayern einen Ib-Preis. Mit ebenfalls elf Fohlen, diesmal in 13 Zuchtjahren, erhielt auch sie einen Eintrag ins FN-Leistungsstutbuch D. Ihr Sohn Legat v. Cornelius ging über zehn Sportjahre lang Dressur bis St.Georg/Inter I erfolgreich unter Hans Jürgen Armbrust (LGS: 1.779,- €). Lillemor v. Cornelius war Gesamtsiegerstute der Landesschau 1988 und brachte Limor-L v. Baluster, der zwischen 2003 und 2011 Erfolge in Vielseitigkeitsprüfungen bis CCI2*, in Springen bis Kl. M** und in Dressur bis Kl. L sammelte. Laudatio v. Polarwind war Mutter des S-Dressurpferdes Lafredo v. Frescobaldi xx und von dessen Vollschwester Lebensfreude, die u.a. das bewährte Jagdpferd Lucca v. El im Cal xx fohlte. Lobby v. Polarwind schließlich war Siegerstute ihrer Eintragung in Bayern. Lillemor, Laudatio und Ladakh vertraten ihre Zuchtstätte auf Landesschauen, Lobby und Larthi II absolvierten Stutenleistungsprüfungen, seinerzeit (noch) nicht alltäglich.

Sie ist schmal geworden, sehr schmal, die einst blühende Libelle-Familie aus dem Gestüt Nannhofen. Im Bezirk vertreten sie nur noch La Lumiere v. Kronprinz und ihre Tochter Lichtspiel v. Duke of Hearts xx, 2019 »Beste Halbblutstute« im Zuchtbezirk, bei Ursula Lauen in Trostberg. Bei Clemens von Welck im Bezirk Baden-Württemberg befindet sich noch die Halbschwester seines geliebten Jagdcracks Lucca, die Halbgott-Tochter Lilly II, in der Zucht, wobei Letztere sich mit der überragend zuverlässigen Fruchtbarkeit ihrer mütterlichen Familie und im ländlichen Sport vielseitig erprobter Nachzucht bewährt.