Die Serie der Zuchteliten aus dem Bezirk könnte man kaum besser beginnen als mit dem heute 27-jährigen gebürtigen Uttinger, für dessen Nutzung sich auch Zuchtleiter Neel Schoof aktuell richtig stark macht:
EH Grafenstolz (TSF)
Konrad Ranzinger hatte 1997 eine seiner Stuten zur Bedeckung von Gipsy King bei Familie Heinen in Issum stehen und wusste, dass Heinens Gipsy Kings tragende Vollschwester verkaufen wollten, weil die Stute ihnen schon gute Töchter gebracht hatte. Da merkte Verena Sontheimer auf, deren Reitpferd in seinem Stall stand und die schon mehrfach Fohlen gekauft hatte.
Und was macht man, wenn man auf Geschäftsreise in Südafrika ist, gerade staunend am Kap der Guten Hoffnung steht und das Telefon läutet? Konni Ranzinger hatte bei Heinens die Details erfragt und brauchte ein Ja oder Nein zum Kauf. Nun, wenn man Verena Sontheimer ist, vertraut man auf das gute Gefühl und besondere Fügungen – und sagt »Ja«.
So zog Gipsy Lady im November 1997 von ihrer Geburtsstätte, in der sie bis dahin ein behütetes und abgeschirmtes Leben geführt hatte, in einen Reitstall nach Utting ins bayerische Fünfseenland um. Das Heimweh und der völlig unbekannte Betrieb in einem Reitstall setzten ihr anfangs sehr zu, aber Verena Sontheimer verstand es, mit Geduld und Spucke – und langen Spaziergängen – ihr völlig überdrehtes neues Pferd wieder zu beruhigen.
Am 23. März 1998 dann schickte Gipsy Lady sich an, ihr Fohlen zur Welt zu bringen – Verena Sontheimer verpasste die Geburt nur um ein paar Minuten. Und Gipsy Lady legte ihrer Neubesitzerin das erste Hengstfohlen ihrer Zuchtlaufbahn ins Stroh. Von Anfang an war klar, dass hier ein wirklich tolles Fohlen stand – knochenstark war der kleine Hengst und sowas von selbstbewusst! Zur Fohlenmusterung und zum Brennen ging es dann ins nicht allzu weit entfernt gelegene Gestüt Nannhofen – und auch da zeigte der junge Mann sich unerschrocken, selbstbewusst und völlig gelassen. Nicht ganz so euphorisch war lediglich die Kommission, die 1998 das bayerische Trakehner Fohlenchampionat in München-Riem richtete, hier musste Grafenstolz gleich ein paar anderen Hengsten den Vortritt lassen – was ihn selbst vermutlich nicht sonderlich gestört hat.
Pedigree
Vater POLARION, wie sein Sohn TSF-Werbeträger und Elitehengst, war selbst international im Dressurviereck erfolgreich, u. a. brachte er die junge Laura Bechtolsheimer bis zur Dressur-EM der Junioren und ins Weltcupfinale. Diesbezüglich eiferte er seinem Vater EH VAN DEYK nach, mit dem die junge Dorothee Schneider ihre ersten Erfolge im großen Viereck sammelte. Mütterlich war Polarion ein Halbbruder zum Inter-II-Dressurpferd PARODIE. Züchterisch hat er sich als Dressurpferdevererber bewährt – KRISTJAN, rein trakehnisch gezogen (seine Mutter war eine Tochter des NAPOLEON QUATRE und der hochdekorierten Elitestute KANDIA III) und der Oldenburger Newho Philharmonic haben Erfolge bis Grand Prix, Polar Bear – Vollbruder des Philharmonic –, ORIGHANA (dänisch gebrannte, aber rein trakehnisch gezogene Enkelin von TANZMEISTER I und der hochbewährten OKSANA), Polaris und Fubine sind bzw. waren in der Kleinen Tour erfolgreich. ACELYA a.d. StPrSt. Aisha III v. Lonely Boy xx, Mutter des gekörten ALBAROLO, trägt den Elitetitel des Trakehner Verbandes.
Mutter GIPSY LADY war staatsprämiert, beste Dreijährige im Zuchtbezirk Rheinland 1990 und im selben Jahr hochplatziert auf der Bundesstutenschau in Verden. Außerdem war sie Klassensiegerin auf der Trakehner Landesschau des Rheinlandes in Aachen 1996, wo sie mit ihrer Familie zusätzlich den Ib-Preis errang. Sie war eine Vollschwester zum Moritzburger Landbeschäler GIPSY KING und entstammt der breiten, sportlich wie züchterisch verdienten Familie der Gundula im Zweig O326A Galante V (Heinen-Issum), der u.a. für die Hengste GUY LAROCHE und GRANDIOSO steht. Das Spitzen-Einspänner-Fahrpferd GRAZIELA TSF v. Seclusive xx zählt zur nächsten Verwandtschaft. Gipsy Lady ist Mutter der GIPSY ROSE v. Polarion, die ihrerseits den Körsieger und bis Grand Prix dressurerfolgreichen GRAND PASSION v. Oliver Twist fohlte. Gipsy Roses Tochter GIPSY FLOWER II v. Gribaldi war Gesamtsiegerstute der Landesstutenschau 2009 in Bayern. Gipsy Roses Tochter GIOIA v. Monteverdi ist Mutter des ebenfalls bis Grand Prix dressurerfolgreichen gekörten Meggle’s GRIMANI v. Gribaldi.
Werdegang
Nach dem Absetzen zog Grafenstolz in eine kleine Junghengstherde nach Beuern. Das Ehepaar Heinen sah den jungen Mann erst im Alter von anderthalb Jahren zum ersten Mal – und sie wollten ihn sofort kaufen. Aber Verena Sontheimer hatte nicht vor, ihr erstes Fohlen schon wieder zu verkaufen. Man einigte sich schließlich auf eine gemeinsame Besitzerschaft. Grafenstolz zog nach Issum um und wurde dort für die Körung vorbereitet. Das Parkett in Neumünster verließ der Dunkelbraune mit dem Prämientitel. Leichtfüßige Bewegungen, patenten Sprung und gute Manieren bescheinigte ihm Zuchtleiter Lars Gehrmann.
Alfred Casper, Seniorchef des Gestüts Birkhof, war sich sicher, hier einen Rohdiamanten ausfindig gemacht zu haben, und er setzte alles daran, den Hengst in seinen Stall zu bekommen. Es gelang ihm und fortan firmierte Gipsy Ladys Sohn im Sport unter dem Namen »Birkhof’s Grafenstolz«, dem später noch das Leistungssignum TSF der Trakehner Sportpferdeförderung als »Nachname« folgte.
Der Rest ist in die Geschichte eingegangen und soll hier nur in kurzen Stichpunkten wiedergegeben werden: Fünfjährig ging er zu Michael Jung, qualifizierte sich sechsjährig in einem Jahr für die Bundeschampionate aller drei Disziplinen. Die Goldschleife im Busch-Championat war ihm ebenso sicher wie der Sieg bei der Weltmeisterschaft Junger Vielseitigkeitspferde in Le Lion d’Angers. Sportliche Erfolge in der Vielseitigkeit bis hin zu Dreisterne-Prüfungen und Bronze bei den Deutschen Meisterschaften folgten. 2009 wurde er nach England verkauft und bewährte sich dort im Dressurviereck bis Prix St. Georges. Alle Turniererfolge erreichte Grafenstolz parallel zu seiner Zuchtkarriere. 2008 war er »Trakehner des Jahres«, 2016 »Trakehner Hengst des Jahres«.
Zuchtkarriere

SEXTA Z *2009 a.d. Sina IV v. EH Sixtus / Kontakt war unter Rebecca Juana Gerken erfolgreich bis kurze Vierstern-Prüfungen, ihre Tochter TSF SOLARA v. Windfall ist unter derselben Reiterin bis CCI4*-L unterwegs – Foto: Jutta Bauernschmitt
Züchterisch zählt Grafenstolz seit einem Jahrzehnt zur Weltspitze der Vielseitigkeitsvererber, 2020 stand er gar an der Spitze der WBFSH-Weltrangliste. Damit hat er die großen Hufspuren seines Birkhofer Vorgängers Heraldik xx mehr als auszufüllen vermocht. Grafenstolz hat Erfolgspferde für alle drei olympischen Disziplinen gezeugt – sogar Fahr- und Voltigierpferde mit Erfolgen bis zur S-Klasse haben ihn zum Vater. Die Phalanx an Viersterne-Cracks im Busch hier aufzuzählen, würde jeden Rahmen sprengen, allein aktuell gehen 54 seiner Nachkommen erfolgreich internationale Vielseitigkeitsprüfungen der Kategorie drei und mehr Sterne! Deshalb hier nur eine kleine Auswahl:
• Rosalind Canters Spitzencrack Lordship’s Graffalo aus einer hochblütigen englischen Stute war u. a. Sieger der schweren Vielseitigkeiten in Badminton und Burghley und ist Team-Olympiasieger.
• Absolut Gold HDC aus einer französischen Vollblutstute brachte es unter Nicolas Touzaint bis zu Teambronze in Tokio.
• Die oldenburgisch gebrannte Grafennacht, aus einer Mecklenburger Narew-xx-Tochter gezogen, wurde von William Fox-Pitt in den großen Sport gebracht und ist jetzt höchst erfolgreich mit Harry Meade unterwegs – u. a. als aktuelle Siegerin der langen Viersterneprüfung in Montelibretti; das Paar wird Anfang Mai in Badminton seine erste Fünfsterneprüfung absolvieren.
• Graftango (Mutter v. Contango II) aus Australien und ihre Reiterin Samantha Cesnik haben schon zahlreiche hohe Platzierungen in Viersterneprüfungen erzielen können und wagen sich in Badminton ebenfalls an den Start.
• FBW Santana’s Boy, Württemberger mit hessisscher Mutter, und Johanna Zantop waren 2015 Junioren-Europameister der Vielseitigkeit.
• Candy King, Church’ile, Ellfield Voyager und Graf Cavalier sind weitere Grafenstolz-Nachkommen mit Starts und Erfolgen in Fünfsterne-Prüfungen, die Trakehnerin SAVIOLA a.d. Salome XI v. Adullah und Wellan Graffiti waren bei CCIO4*-Turnieren am Start.

FLEUR v. Kentucky u.d. StPrPrElSt. Fatima v. Grafenstolz / Cornus aus dem Besitz des Gestüts Murtal in Österreich – 2-jährig Reservesiegerin der Bundesstutenschau, 3-jährig Siegerin der Zentralen Eintragung Bayern, 4-jährig Ic-Preisträgerin der Landesstutenschau Bayern, inzwischen in Grand-Prix-Dressuren am Start. Hier hat Jutta Bauernschmitt sie 2015 bei ihrer Stutenleistungsprüfung eingefangen.
Ein Hengstmacher ist Grafenstolz allerdings nicht – bisher haben nur drei Söhne das begehrte Körprädikat in Deutschland erhalten können: Future Gravitas (*2010/ZfdP) aus einer Bohemond-xx-Mutter war im Dressurviereck bis Kl. S und im Busch bis CCI2*erfolgreich, aus seiner Nachzucht sind vor allem das CCI3*-Pferd Arden Juju und einige 2-Sterne-Cracks zu erwähnen. Graf Ge (*2006/BaWü), ein Vollbruder zum CCI4*-Crack Grand Prix iWest aus einer Grafenstein-Mutter mit den bewährten Trakehnern PRINCE CONDÉ und LOTHAR im fallenden Mutterstamm, wurde züchterisch nicht genutzt. Gin-Tonic (*2002/BaWü) aus einer Akzent-II-Mutter, ebenfalls züchterisch nicht genutzt, war mütterlicher Halbbruder zum St.Georg-/Inter-I-Dressurcrack Karajan v. Kostolany und ist selbst erfolgreich CCI2*, Springen bis 1,35 m und Dressur bis M* gegangen.

KALEA *2010 a.d. Koralle XXIV v. EH Cadeau aus der Zucht von Johann Kleinheinz (Adelsried) ist Mutter der Reservesiegerin der Zentralen Eintragung Bayern, KEALOAH, und der Fohlenchampioness 2018, KORSIKA – Foto: Jutta Bauernschmitt
Seine Trakehner Töchter konnten bereits einige Meriten erringen: TANZSPORT etwa ist Mutter von TANZMUSIK, Jahressiegerstute und Klassensiegerin der Bundesstutenschau, und damit Großmutter zu TANTALOS (Hengstmarkt 2019, Station: Gut Staffelde). StPrPrElSt. FATIMA ist Mutter zu FELLINI (Prämienhengst, Eliteanwärter und dressurerfolgreich bis Kl. M), zu FLEUR (Reservesiegerin der Bundesstutenschau, Siegerin ihrer Zentralen Eintragung und inzwischen erfolgreich in Dressur bis Kl. S***) und zu FERGIE RS (Beste Springstute ihrer Zentralen Eintragung, Jahrgangsbeste der Stutenleistungsprüfung in Bayern). Tochter FÜR ELISE brachte für die ATA den Prämienhengst FEARLESS. Tochter KALEA stellte in Bayern die Zweite Reservesiegerin der Zentralen Eintragung 2019, KEALOAH, und die Fohlenchampioness 2018, KORSIKA. Tochter SEXTA Z, selbst bis Vierstern kurz (CCIO) erfolgreich, brachte die Vierstern (CCIO)-Stute TSF SOLARA.

Grafenstolz beim Hengstmarkt 2016, wo er als »Trakehner Hengst des Jahres« herausgestellt und geehrt wurde – Foto: Jutta Bauernschmitt
Grafenstolz steht im 28. Lebensjahr und ist noch immer im Deckeinsatz – in Deutschland ist er zurzeit mit Frischsamen über die Station Hörem verfügbar. Zuchtleiter Neel Schoof appelliert an die Züchter, die Chance noch zu nutzen – wann es wieder einen Vererber geben wird, der sportlich und züchterisch zur Weltspitze gehört, kann man nicht sagen.
©März 2025 Karin Schweiger

